Seit der Jahrtausendwende befindet sich die europäische Hochschullandschaft deutlich in einer Phase des Umbruchs. Der sogenannte Bologna-Prozess ist dafür verantwortlich. Ganz neue Studiengänge entstanden bei der Durchführung dieser Veränderung. Der Bachelor- und der Master-Abschluss zählen zu den besonderen Veränderungen. Beide Seiten, Verteidiger wie Befürworter der Veränderung, sprechen letztlich beide von einer wichtigen Änderung der Ordnung. Diese sei sinnvoll und reich an Chancen, um auch neue Ansätze im didaktischen Bereich auszuprobieren und auszutesten. Die Gegenseite spricht von einer sehr intensiven Sparmaßnahme, die nichts mehr mit den Idealen der Bildung, die Humboldt einst eingeführt hatte, zutun hat.
Das Hauptanliegen von Bachelor und Master
Bei der Zusammenführung geht es hauptsächlich um zum Teil neueingerichtete Studiengänge. Die verschiedenen Veränderungen betreffen einerseits den inhaltlichen Bereich, indem zum Beispiel Modele aufgebaut werden und so konkrete, eigenständige Lernportionierungen entstehen, die einen konkreten Umfang und einen entsprechenden Nachweis der Leistung ausmachen. Die Hauptproblematik betrifft den Diplom-Abschluss und damit der Erwerb eines “Dipl.-XXX.” Abschlusses. Nicht wenige sprechen bei einem Diplom-Titel von einer Marke, einem Zeichen, das außerhalb Deutschlands die eine oder andere Tür öffnet, weil der Absolvent einer deutschen Hochschule nach wie vor eine hohe Anerkennung genießt. Darauf läuft die sogenannte “Harmonisierung der Architektur des Europäischen Hochschulsystems” hinaus. Ausgegangen ist die Bachelor- und Masterreform von der sogenannten Sorbonne-Erklärung. In dieser werden schon die wichtigsten Änderungen der späteren Reform skizziert, wie eine gemeinsame Qualifizierung, ein zweistufiges Studiensystem, ebenso auch die Mobilitätsunterstützung der Dozenten und ihrer Studenten. Die probeweise Einführung der Grade Bachelor und Master sollten bereits im Jahr 1998 Ihre Einführung erleben, als das Hochschulrahmengesetz novelliert wurde.
Bologna und die Folgen im Studium
Mit der Erklärung “Bachelor welcome!”, die von etlichen Personalvorständen führender deutscher Unternehmen im Sommer 2004 formuliert und verantwortet wurde, begann der ideologische Unterbau dieser wichtigen Änderung seinen Lauf zu nehmen. Gespickt ist die Erklärung von Zusagen wie auch von Forderungen. Einerseits werden die “attraktiven Einstiegschancen” eines Bachelor-Abschlusses gepriesen, andererseits auch die Präzisierung, dass Absolventen, die einen Bachelor-Abschluss anstreben, auch “das Kernwissen ihrer Disziplin beherrschen” müssen. Hinzu kämen wichtige Keyfähigkeiten im methodischen und sozialen Bereich. Dagegen überzeugten die beiden neuen Studiengänge die Öffentlichkeit kaum, vielmehr wurde diese als verkopft und schmalspurig angesehen. Es würde dabei weniger um eine echte Reform gehen, als vielmehr um eine echte Sparmaßnahme. Die einlaufenden Umfrageergebnisse schienen die Gegner von Bologna zu bestätigen und zu unterstützen. Die Zahlen der Studienabbrecher nahmen nicht wie vermutet ab, auch wurden die Studenten nicht dadurch mobiler. Die gesamte Reform wurde durch die Medien verrissen, professionelle Stellen zeigten sich sehr enttäuscht. Ein Wissenschaftler, der Mainzer Theologe Marius Reiser, gab sogar seine Professur auf. Der Bachelor-Abschluss wurde als das typische Bildungsstiefkind angesehen.